Kleine Schätze

Unser Museum widmet sich der Alltagskultur früherer Generationen – also all der Dinge, die auf dem Land einfach zum Alltag und zum gesellschaftlichen Leben dazugehörten. Vieles ist da in den vergangenen Jahrzehnten im Museum zusammengetragen worden, und hinter vielen unserer Ausstellungsstücke verbergen sich kleine oder große Geschichten. Jedes noch so kleine und vermeintlich unscheinbare Ding wird so zum Zeitzeugen und erzählt den Besuchern aus früheren Zeiten.

Wenn Sie unser Museum also besuchen, schauen Sie genau hin und fragen Sie gerne nach! Oder nehmen Sie an einer unserer individuell buchbaren Führungen teil, um die Geschichten zu erfahren. Einige dieser Geschichten stellen wir Ihnen hier auf unserer Seite nach und nach vor.

Die polnischen Pilze

Die eingeweckten Pfifferlinge, die wir in einem unserer Haushaltswaren-Regale präsentieren, wirken auf den ersten Blick wahrlich nicht wie ein besonderer Schatz des Museums, und besonders alt sind sie auch nicht. Aber hinter ihnen verbirgt sich eine Geschichte, die uns zurück in den Zweiten Weltkrieg führt, nach Polen, dann einmal quer durch halb Europa und durch Deutschland und schließlich bis nach Wagenschwend im Odenwald.

Gesammelt hat die Pilze eine Frau namens Barbara aus Ostpolen, sie hat sie in Polen gesammelt, um sie als Gastgeschenk mit nach Wagenschwend zu bringen, 2000 Kilometer Autofahrt. Barbara war die Tochter von Hanka Szendzielarz. Hanka, eine junge hochgebildete Polin war als Kriegsgefangene erst quer durch Europa verschleppt worden und schließlich zur Zwangsarbeit nach Wagenschwend gekommen. Im Dorf heißt es, Hanka sei angesehen und beliebt gewesen, und auch ihr Arbeitgeber habe es gut mit ihr gemeint. Bei einer Schießerei im Wagenschwender Gasthaus Linde war sie kurz vor Kriegsende zwischen die Fronten geraten und tödlich verletzt worden.

Barbara war, als ihre Mutter Hanka von den Nazis festgenommen wurde, noch ein Kind, und nie erfuhr sie, was mit der Mutter passiert war. Gerhard Schäfer vom Museumsverein hat Hankas Geschichte gemeinsam mit anderen recherchiert. So stieß er auch auf Barbara, die inzwischen selber alt war und noch in Polen lebte. Außerdem stellte sich unter anderem heraus, dass Hankas Mann berühmter Untergrundkämpfer war, der heute als Nationalheld in Polen hoch verehrt wird. Die ganze Geschichte können Sie bei uns im Museum erfahren, es gibt dazu auch ein kleines Büchlein.

Barbara jedenfalls erfuhr also nach vielen Jahrzehnten der Ungewissheit endlich, was mit ihrer Mutter während des Krieges passiert war, und dass sie hier in Wagenschwend erschossen worden war. Und dass es ein Grab gibt, auf dem Wagenschwender Friedhof. Barbara hat dieses Grab vor ihrem eigenen Tod noch mindestens zweimal besucht, und als Gastgeschenk brachte sie aus Polen die unscheinbaren Pilze mit, die eine besondere Geschichte von Krieg und Not und Leid erzählen, aber eben auch von Versöhnung und deutsch-polnischer Freundschaft.

Die unbezahlten Instrumente

Für Musikliebhaber, und solche, die es werden wollen, ist das kleine Musikzimmer im Museum ein Muss. Hier stehen Instrumente aus allen Zeiten, die im Laufe der vergangenen Jahrzehnte irgendwie ihren Weg nach Wagenschwend gefunden haben, und zu vielen davon gibt es natürlich auch eine Geschichte. In Vitrinen zeigen wir die ersten Instrumente des 1928 gegründeten Musikvereins Eintracht Wagenschwend. Ihre Anschaffung seinerzeit führte zu einem gewissen Skandal, der vermutlich weit über die Grenzen des Dorfes zum Gesprächsstoff wurde, wie Museumsleiter Gerhard Schäfer erzählt:

Am Ende konnte der Musikverein das Geld abstottern, weil die Truppe so schnell so gut wurde, musikalisch, dass Auftritte und Konzerte organisiert werden konnten. Die Einnahmen wurden dann verwendet, um die Schulden in Strümpfelbrunn zu begleichen. Der Lehrer Geisert wurde vermutlich nie wieder in Wagenschwend gesichtet.

Schleudersitz

Unsere Barbierstube birgt jede Menge Schätze, die wir Ihnen vorstellen werden. Überall aus dem ländlichen Odenwald kommen die Exponate her und erzählen Geschichten über das Friseurhandwerk, die Frisurenmode und über allerlei technisches Gerät, das seinerzeit hochmodern war, uns heute aber wie Relikte aus uralten Zeiten erscheint.

Besonders beeindruckt sind Besucher und Besucherinnen immer wieder von unserem Schleudersitz: einem historischen Friseurstuhl, der quasi selbstreinigend ist. Ein Schwung!, – und der Sitz war sauber und blitzeblank für den nächsten Kunden. Am Ende des Tages musste vermutlich der Stift, wie man damals die Auszubildenden nannte, all die fortgeflogenen Haare quer durch den Salon aufkehren.