700 Jahre Wagenschwend: Chronik einer wechselvollen Geschichte
Klaus Brauch-Dylla
Wagenschwend. bd. Zu einem fundierten historischen Vortragsabend im Rahmen des 700-jährigen Dorfjubiläums kamen etwa 100 Besucher*innen zusammen, um sich mit der wechselvollen Geschichte Wagenschwends auseinanderzusetzen. Unter der Leitung von Gerhard Schäfer, dem Vorsitzenden des Heimat- und Museumsvereins, und dem gebürtigen Wagenschwender Wolfgang Frankhauser, der seit vier Jahrzehnten zur Dorfgeschichte forscht und für diesen Anlass aus Dresden angereist war, entfaltete sich ein faktenreiches Panorama von der Römerzeit bis in die Gegenwart.
Von der Grenzanlage zum Rodungsdorf
Die Referenten spannten den Bogen von der frühen Antike bis in die Neuzeit. Bereits im 2. Jahrhundert nach Christus hinterließen die Römer ihre Spuren auf der heutigen Gemarkung; der Odenwald-Limes mit den Wachturmstellen 10/46 und 10/47 verlief direkt durch das Gebiet. Nach dem Rückzug der Römer und der Zeit der Völkerwanderung setzte im Hoch- und Spätmittelalter die gezielte Besiedlung ein.
Die offizielle Geburtsstunde des Ortes markiert das Jahr 1326. Im Lehenbuch des Würzburger Hochstiftes wurde „Wachengeschwende“ erstmals urkundlich erwähnt. Der Ortsname weist auf eine Rodungssiedlung hin, die vermutlich auf einen Siedler namens „Wacho“ zurückgeht.
Zerstörung und Wiederaufbau
Ein düsteres Kapitel der Ortsgeschichte bildete der Dreißigjährige Krieg. Nach der Schlacht bei Nördlingen im Jahr 1634 wurde auch Wagenschwend vollständig zerstört und blieb über vier Jahrzehnte unbewohnt. Erst ab 1674 begann die Wiederbesiedlung, unter anderem durch Schweizer Mennoniten und pfälzische Kolonisten, die das Dorf mühsam neu aufbauten.
Soziale Not, „Sittenlosigkeit“ und Auswanderungswellen
Besonders eindringlich schilderten die Vortragenden die soziale Not des 19. Jahrhunderts. Durch Missernten und die Agrarkrise (1845–1855) verarmte die Bevölkerung zusehends. Zeitgenössische Quellen, die im Vortrag zitiert wurden, zeichnen ein düsteres Bild: Der Limbacher Pfarrer Vierneisel konstatierte damals erhebliche „Demoralisation“., dass „das Elend und die Verderbnis […] insbesondere in Wagenschwend in einem so hohen Grade vorhanden“ sei. Hunger trieb viele Bewohner in die Kriminalität; 1842 standen 25 Bürger unter polizeilicher Aufsicht, weitere 14 verbüßten Haftstrafen in Zuchthäusern von Bruchsal, Mannheim und Heidelberg.
Sogar das Großherzogliche Bezirksamt sah sich 1850 genötigt, gegen die „Sittenlosigkeit“ und das „uneheliche Zusammenwohnen“ im Dorf einzuschreiten. Die Verzweiflung war so groß, dass der Gemeinderat 1842 dem Badischen Ministerium gar den Verkauf der gesamten Gemeinde anbot, um den verbliebenen Bauern eine geschlossene Auswanderung nach Nordamerika zu ermöglichen, und dort – ohne die Armenlast des Dorfes – neu zu beginnen. Auch wenn der Verkauf unterblieb zwang bittere Armut rund 140 Einwohner – einen erheblichen Teil der damaligen Bevölkerung – zur Auswanderung nach Amerika, Brasilien oder Russland.
Zeitzeugnisse der Auswanderung
Ein emotionaler Höhepunkt des Abends war die Lesung von Originalbriefen Wagenschwender Auswanderer durch Lara Brauch. In originaler Schreib- und Ausdrucksweise vermittelten die Briefe die Härte des Neuanfangs in der Ferne („Williamsburch“/New York).
So schrieb Apolonia Heß 1853 an ihre Mutter: „…ich muß Euch Schreiben daß man in Amehrika sehr hart Arbeiten muß denn hier darf man nicht Spatzzieren gehen wer hier nicht Arbeiten will der soll in Deutschland bleiben“. Ein weiteres Dokument, die Bittschrift von Katharina Schimmel aus dem Jahr 1854, verdeutlichte das familiäre Leid der Migration: Sie flehte die Behörden an, ihr in Deutschland zurückgelassenes Kind nachkommen zu lassen: „Ach wie oft reden wir von ihm, wir hatten jetzt Brod für unser liebes Kind wenn es doch auch bei uns were.“
Stabilisierung und Modernisierung
Erst ab der Mitte des 19. Jahrhunderts setzte eine Konsolidierung ein. Meilensteine wie der Bau der heutigen Kirche Hl. Kreuz (1870), des Schulhauses (1892) und die Gründung zahlreicher Vereine – darunter der Radfahrverein „Wanderlust“ (1910), der Musikverein „Eintracht“ (1928) und der Sportverein (1929) – zeugen vom erstarkenden Gemeinschaftssinn. Auch technische Infrastruktur hielt Einzug: 1906 wurde für das gesamte Dorf eine Wasserversorgung eingerichtet, 1921 wurde das Dorf an das Stromnetz angeschlossen. Mit dem späteren Ehrenbürger Anton Damm stellte Wagenschwend einen eigenen Reichstagsabgeordneten der katholischen Zentrumspartei.
Nachkriegszeit mit großem Bevölkerungszuwachs
Nach dem Zweiten Weltkrieg, dem 40 junge Männer des Dorfes zum Opfer fielen und der mit der Schiesserei im Gasthaus Linde am 24.02.45 auch im Dorf eine Tragödie mit vier Toten, darunter die polnische Zwangsarbeiterin Hanka Szendzielarz, auslöste, stand die Gemeinde vor der Herausforderung, über 190 Heimatvertriebene zu integrieren, was die Einwohnerzahl sprunghaft ansteigen ließ. Die 1954 unter Pfarrer und späteren Ehrenbürger Ottmar Volz erfolgte Gründung der katholischen Landjugend, gemeinsam mit Balsbach, war eine Vereinsneugründung, aus der Dutzende Ehen entstanden.
In der Nachkriegszeit entwickelte sich Wagenschwend zudem zu einem bedeutenden Standort für die Viehzucht und Milchwirtschaft; die Gemeindebullen des Ortes errangen regelmäßig staatliche Auszeichnungen.
Wagenschwend heute
Den Abschluss des Vortrags bildete der Blick auf die jüngere Geschichte, geprägt durch die Eingemeindung nach Limbach im Jahr 1973 und die kontinuierliche Ortsentwicklung. Mit dem Abschluss des Glasfaserausbaus im Jahr 2023 ist der Ortsteil technologisch für die Zukunft gerüstet.
Und verfügt mit dem 1998 eröffneten Museum und seinem rührigen Vorstand über eine Institution, die beispielgebend die Erinnerung an die wechselhafte Lebensrealität auf dem Winterhauch nahebringt, wofür den Referierenden großer Applaus gezollt wurde.
Die Saison ist eröffnet – das Museum meldet sich zurück!
Gerhard Schäfer: „Die Familien der Wagenschwender Häuser und ihre Hausnamen„
Wagenschwend 1894 – Strassenverlauf und Grundstücke

WENN HÄUSER GESCHICHTEN ERZÄHLEN: Gerhard Schäfer begeistert mit einem tiefen Einblick in die Wagenschwender Hausnamen und Dorfhistorie – von Klaus Brauch-Dylla
Wagenschwend.bd. Das Jubiläumsjahr „700 Jahre Wagenschwend“ hätte kaum spannender beginnen können. Zum Auftakt des Veranstaltungsprogramms lud der Heimat- und Museumsverein am vergangenen Sonntag in das bestens besetzte Dorfgemeinschaftshaus ein. Gut 130 interessierte Bürgerinnen und Bürger waren gekommen, um den Ausführungen von Gerhard Schäfer, dem Leiter des Heimatmuseums, zu folgen. Sein Thema: Die faszinierende Welt der alten Hausnamen.
Eine Landkarte zur Verortung
Als Grundlage für den Abend diente ein Ortsplan von Wagenschwend aus dem Jahr 1894. Das Besondere daran: Fast alle dort verzeichneten Gebäude stehen noch heute an denselben Plätzen – wenn auch großteils umgebaut und modernisiert. Basierend auf den akribischen Recherchen von Wolfgang Frankhauser aus den 90er Jahren, entfaltete Schäfer eine detailreiche Zeittafel der Besitzer und erklärte, wie die teils rätselhaften Beinamen entstanden sind. „Hausnamen waren früher die eigentliche Adresse“, erläuterte Schäfer. Sie unterlagen einem ständigen Wandel durch Heiraten oder Besitzerwechsel. Doch die Kontinuität beeindruckt: Einige Namen, wie „Scholze“, „Münche“, „Weise“, „Schorke“ oder „Aresch“, haben sich trotz aller Umbrüche über drei Jahrhunderte hinweg im Dorfgedächtnis gehalten. Kurios, wie der Name s’Aresch entstanden ist: der Ende des 17. Jahrhunderts amtierende Schultheiß Johann Jakob Zimmermann hatte die Auflage für das Dorf eine Arrestzelle zu errichten – das Anwesen mit der Arrestzelle wurde im Laufe der Jahrzehnte mit dialektalem Lautwandel zu s’Arres und schließlich zu s’Aresch.
Von „Hinnedinnsch“ bis „s’Trienzersch“
Die Analyse der Namen bot einen tiefen Einblick in die Sozialstruktur vergangener Tage. Schäfer kategorisierte die Ursprünge anschaulich:
Vornamen & Nachnamen: Mit 15 Ableitungen von Vornamen (z. B. s’Merdlisch nach Martin, s’Nazisch nach einem Ignaz oder im Ausnahmefall auch nach einer Frau, so bei Friederika Schneider, auf die der Hausname s’Rigge zurück geht) und 27 von Nachnamen bilden sie die Mehrheit.
Berufe: 10 Namen zeugen von altem Handwerk (Schreiner, Bäcker, Küfer, Schuster) oder beruflicher Tätigkeit, darunter besondere wie s’Scholze (Schultheiß/Bürgermeister), s’Polizeidienersch, s’Ratschreibersch oder s’Wertsch für ein Haus mit Schankrecht.
Kuriositäten: Besonders amüsiert zeigten sich die Zuhörer über Namen wie “s’Hinnedinnsch”. Dieser Name haftete einer Familie an, die vor dem Bau ihres eigenen Heims im hinteren Teil eines Nachbarhauses zur Untermiete gewohnt hatte.
Fusionsnamen: Wenn Familiennamen verschmolzen, entstanden Kreationen wie s’Dammschlinke (Damm und Link) oder es gab auch die Kombination aus Beruf und Vornamen, z.B. “s’Millkarlsch” (Müller und Karl).
Neuanfang nach dem Dreißigjährigen Krieg
Schäfer wagte auch einen Blick in die dunklen Kapitel der Geschichte. Während Namen vor dem Dreißigjährigen Krieg aufgrund der totalen Verwüstung des Dorfes nicht überliefert sind, markiert die nach einem Viertel Jahrhundert erfolgte Wiederbesiedlung einen Wendepunkt.
Nach einem kurzen Intermezzo protestantischer Schweizer Bauern, die im katholischen Umfeld einen schweren Stand hatten, prägten schließlich Zuwanderer aus der Pfalz, darunter der spätere Schultheiß Johann Jakob Zimmermann (s’Aresch), das Dorfbild und die Namensgebung nachhaltig.
Schicksale zwischen Amerika und Russland
Augenmerk legte der Referent auf die menschlichen Schicksale, die mit den Häusern verbunden sind. So wie die Geschichte von Ferdinand und Maria Emilie Hess, die im Haus Emmertsch ab 1879 21 Kinder gebar, von denen jedoch 9 bereits im Kleinkindalter verstarben. Drei der Söhne fielen im Ersten Weltkrieg. Oder die einzigartige Geschichte von Rosa Link (von „s’Bilse”, nach einem dort bis 1867 lebenden Franz Michael Bilz): 1883 als 15-Jährige nach Amerika ausgewandert, kehrte sie 1907 nach fast einem Vierteljahrhundert zurück, um im Jahr darauf ihren direkten Nachbarn Josef Schork zu heiraten.
Spektakulär auch die Odyssee der Familie Edelmann. Um 1800 noch in der „Streuheimat“ am Waldrand ansässig, folgten sie 1820 dem Ruf der Zarin Elisabeth (ehemals Prinzessin Luise von Baden) zur Besiedlung Russlands. Doch das Heimweh oder die harten Bedingungen führten sie acht Jahre später zurück nach Wagenschwend, wo sie am Anfang der Hauptstraße neu bauten und der Name „s’Edelmannsch“ bis heute präsent ist.
Ein lebendiges Erbe
Ob das Haus Henrizisch (nach dem zugezogenen Erwerber Wendel Henrizie), das einst als kath. Schulhaus diente, oder das Haus s’Trienzersch, zugleich s’Constantinsch – der Abend machte deutlich, dass Hausnamen in Wagenschwend weit mehr sind als nur alte Begriffe. Sie sind ein lebendiges Archiv der Dorfgeschichte und überdauern die Jahrhunderte. Constantin Scheuermann aus Trienz hatte das letztgenannte Haus vor 150 Jahren von Angehörigen einer nach USA ausgewanderten Familie erworben. Und just die Nachfahren dieser Auswanderer (Franz-Josef Schork und Josepha, geborene Nörpel) waren vor zwei Jahren im Dorfmuseum auf der Reise zu den Wurzeln ihrer Vorfahren zu Besuch.
Die Auswanderung von ”Dorfarmen” führte beispielsweise auch dazu, dass eines der beiden Armenhäuser Wagenschwends gegen Ende des 19. Jahrhunderts verkauft werden konnte, an Carl Theophil Rothengass, das Anwesen hieß seither s’ Rothengasse.
Der langanhaltende Applaus am Ende des Vortrags zeigte, dass Gerhard Schäfer einen Nerv getroffen hatte. Das Jubiläumsjahr hat damit einen ersten bereichernden Höhepunkt geboten, der die Vorfreude auf die kommenden Festivitäten schürt.
Der nächste historische Vortrag folgt am Sonntag, 12. April um 19 Uhr, dann wird die Ortschronik des Dorfes und Geschichten aus 7 Jahrhunderten Wagenschwend präsentiert.
Wagenschwend 700 Jahrfeier – das vorläufige Programm




